Junge Menschen für die Selbsthilfe gewinnen – Strukturen zukunftsfähig gestalten
Junge Menschen für die Selbsthilfe gewinnen – was wirklich funktioniert
Am 15. Januar 2026 kamen Engagierte aus Selbsthilfeorganisatione und -Kontaktstellen in einem Online-Workshop zusammen, um eine zentrale Frage zu diskutieren: Wie können junge Menschen für die Selbsthilfe gewonnen und langfristig eingebunden werden?
Schnell wurde deutlich: Es geht nicht nur um Angebote – sondern vor allem um Haltung, Strukturen und echte Beteiligung.
Praxisbeispiele: Wie junge Selbsthilfe wachsen kann
Zwei Impulse zeigten eindrücklich, wie erfolgreiche junge Selbsthilfe entstehen kann:
Frauke Süß (Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e. V.) zeichnete die Entwicklung der sogenannten Flow-Sprechgruppen nach. Was 2011 als Idee begann, ist heute ein bundesweites Netzwerk mit Gruppen in rund 30 Städten. Das Besondere: Die Treffen werden von jungen stotternden Menschen selbst organisiert – ohne therapeutische Begleitung. Viele engagieren sich inzwischen auch darüber hinaus im Verein.
Anna Cohrs und Jonas Labermeier stellten das Kinder- und Jugendteam von Alopecia Areata Deutschland e. V. vor. Sie machten deutlich, wie wichtig Räume sind, in denen junge Menschen offen über ihre Erfahrungen sprechen können – und wie daraus Motivation entsteht, sich aktiv einzubringen und Verantwortung zu übernehmen.
Was junge Menschen brauchen
Im gemeinsamen Austausch kristallisierten sich zentrale Bedürfnisse heraus:
- Sicherheit und Vertrauen
- Gesehen und ernst genommen werden
- Zugehörigkeit und echte Beziehungen
- Begegnung auf Augenhöhe
- Raum für Identitätsentwicklung
Ein prägnanter Satz aus dem Workshop bringt es auf den Punkt: „Du gehst nicht zu Flow – du bist Flow.“
Was motiviert zum Engagement?
Junge Menschen wollen nicht nur teilnehmen – sie wollen gestalten. Motivation entsteht vor allem durch:
- Die Möglichkeit, eigene Erfahrungen einzubringen
- Den Wunsch, etwas zu verändern
- Gemeinschaft und Sinn
- Aktive Mitgestaltung statt passivem Konsum
Typische Hürden – und wie man ihnen begegnet
Viele bestehende Strukturen wirken auf junge Menschen eher abschreckend. Dazu zählen:
- Starre Satzungen und feste Rollen
- Komplexe Anforderungen rund um Datenschutz, Haftung und Verantwortung
- Hohe zeitliche Verbindlichkeit
- Kommunikationsbarrieren zwischen Generationen
Hilfreiche Ansätze im Umgang damit sind:
- Kleine, überschaubare Aufgaben statt großer Verpflichtungen
- Direkte Ansprache statt allgemeiner Aufrufe
- Transparenz und Vertrauen
- Begleitung statt Kontrolle
- Fehler zulassen und als Lernchance verstehen
- Offener Dialog auf Augenhöhe
Was jetzt zu tun ist
Aus den Diskussionen lassen sich klare Handlungsempfehlungen ableiten:
- Verlässliche und gleichzeitig flexible Strukturen für Ehrenamt schaffen
- Transparenz über Aufwand, Möglichkeiten und Mitgestaltung bieten
- Lebensrealitäten junger Menschen ernst nehmen
- Beteiligung an Entscheidungen aktiv ermöglichen
- Räume für eigene Ideen und Projekte öffnen
- Engagement sichtbar machen und wertschätzen
- Persönlich ansprechen – individuell und konkret
Ein Beispiel für gelungene Ansprache: „Ich glaube, du bist genau die richtige Person für diese Aufgabe, weil …“
Impulse aus der Praxis
Auch die Teilnehmenden brachten wertvolle Ideen ein:
- Junge Menschen über kreative Veranstaltungen ansprechen (z. B. Poetry Slam in Flensburg)
- Niedrigschwellige Angebote zum „Ausprobieren“ von Selbsthilfe schaffen (z. B. Kontakt-Cafés oder Outdoor-Gruppen)
- Mit einzelnen motivierten jungen Menschen starten, die weitere Mitglieder selbst ansprechen
Fazit
Junge Selbsthilfe entsteht dort, wo Vertrauen, Mitgestaltung und echte Zugehörigkeit möglich sind. Organisationen sind gefragt, ihre Strukturen zu öffnen, Verantwortung zu teilen und jungen Menschen Raum zu geben, eigene Wege zu gehen.
Denn am Ende gilt: Engagement lässt sich nicht verordnen – aber sehr wohl ermöglichen.